Logopädie bei Trans*

Logopädie oder die Kunst aus einer männlichen eine weibliche Stimme zu machen. Nun ja Kunst ist es nicht und Logopädie eigentlich auch nicht. Die Logopädie beschäftigt sich damit eine kranke Stimme zu heilen. Im falle der Trans* Stimmbildung geht es aber darum aus einer gesunden männlichen Stimme eine gesunde weibliche Stimme zu machen.

Logopädie

Wie ihr wisst musste ich mir einen neuen begleitenden Therapeuten suchen. Der merkte gleich an das meine Stimme mich immer verraten wird und das man mittels Logopädie dagegen etwas manchen könnte. Es gibt keine Garantie das es funktioniert, aber ich könne es auf jeden Fall ein paar Stunden probieren.  Mit einer Verordnung in der Hand verließ ich ihn und machte mich auf die Suche. Natürlich sollte man auch hier wieder auf Spezialisten zurückgreifen. Trans Stimmbildung ist, wie oben beschrieben, nicht das alltägliche Brot eines Logopäden.

LaKru- Stimmbildung bei Trans*

Durch Recherche im Internet stieß ich schnell auf die LaKru Methode, welche von Thomas Lascheit und Stephanie Kruse entwickelt wurde. Dies sind keine rein Logopädischen Übungen sondern es ist auch viel aus der Gesangspädagogik übernommen. Beide geben ihr wissen inzwischen auch an andere Logopäden weiter und, wieder einmal hatte ich Glück, eine davon , Beatrice Ehrle praktiziert in Esslingen, ganz in der Nähe von meinem Arbeitsplatz 🙂

In diesem Video erklärt Thomas Lascheit die LaKru Methode:

Die ersten Stunden

Die erste Stunde diente hauptsächlich dem Kennenlernen, ich musste viel erzählen, es gab einige Übungen und ich musste mir eingestehen das ich mir nie Gedanken um meine Stimme gemacht hatte und somit total versagte. Die Beatrice spielte mir eine Aufnahme von T.Lascheit vor, ab min. 14 könnt ihr sie auch in dem Video hören und ich war sprachlos was alles geht.
Immer wieder meinte sie auch das sich meine Stimme eingeschnürt und gepresst anhört und riet mir einen HNO aufzusuchen um zu überprüfen ob im Hals alles in Ordnung ist.

Hals Nasen Ohren Arzt

Der HNO konnte zum Glück nichts feststellen, außer das  ich eine leichte Nasenscheidewandverkrümmung habe, mit der ich aber gut leben kann. Er warnte mich auch etwas vor dem Versuch die Stimme zu manipulieren, wenn man es nicht richtig macht kann es schnell nach hinten losgehen und man kann im schlimmsten Fall die Stimme verlieren. Auf die genauen Übungen werde ich daher hier auch nicht eingehen weil man sie auf jeden Fall nur mit erfahrener Begleitung machen sollte.

Interessant war aber der Grund warum meine Stimme so gepresst klang. Ich habe ständig verspannte Nackenmuskeln und als ich mit meinem Physiotherapeuten darüber sprach meinte der sofort. Es gibt den … Muskel (den Namen habe ich vergessen), der verläuft seitlich am Nacken und geht auf beiden Seiten von hinten nach vorne in den Hals.
Ist der verspannt kann sich das auch auf die Stimme auswirken. Natürlich war der bei mir mehr als verspannt und nachdem er ihn unter Höllenqualen gelockert hatte, war die Stimme bei der nächsten Therapiestunde auch schon deutlich besser.

Das Prinzip der Stimmbildung

Grob gesagt, die Muskeln die den Kehlkopf tragen werden trainiert, der Kehlkopf hebt sich an. Der Resonanzraum wird kleiner und die Stimme wird heller. Dann gibt man noch etwas Twang dazu und schon hat man hat die perfekte weibliche Stimme.
Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Man muss erst einmal lernen mit der Stimme richtig umzugehen und das kann schon eine weile dauern.

Die Übungen gehen immer extrem nach oben. Wie beim Muskeltraining versucht man immer an die Grenze zu gehen. Die dauerhaft erreichbare Stimme liegt aber darunter. Wichtig ist auch man verstellt die Stimme später nicht. Nein, sie wird komplett  und dauerhaft angehoben, man kann später nicht mehr so tief sprechen wie es heute noch möglich ist.

Taschenfalten, Falsett, Twang…. Hääääh???

Als ich gesagt bekam mach die Taschenfalten ganz auf, bring die Stimme nach vorne oder mach die Zunge ganz breit, kamen bei mir die großen Fragezeichen vor dem inneren Auge. Ich wusste nicht was sie von mir wollte.  Selbst als sie es mir vormachte war ich zu blöd um es nachzumachen.
Ich merkte schnell es war ein Fehler mich nicht auf das Ganze vorzubereiten.
Das holte ich dann nach, lernte die Basics, fand das oben beschriebene Video und den Youtube Kanal „Singen ohne Angst“. Wenn ihr zum Beispiel folgendes Video kurz anseht erfahrt ihr auch schon was der Twang ist (WäääääWäääääWäääää):

In den Videos von Fawn Arnold fand ich viele der Übungen und Begriffe wieder. Unsere Übungen waren natürlich etwas einfacher gestrickt. Eine Tonleiter musste ich noch nicht miauen 🙂

Die Hausarbeit

Wie beim normalen Muskeltraining liegt der Erfolg der Übungen in den Wiederholungen. Während der Therapiestunden bekommt man also nur gezeigt wie es geht, die eigentliche Arbeit macht man zuhause.

So war meine erste Aufgabe Vokale von tief bis hell und wieder zurück vor mich hin zu tönen. Das mache ich bevorzugt im Auto auf der fahrt zur Arbeit, da hört mich keiner 🙂  Während der Therapiestunde fragte sie mich auch schon mal „kann es sein das du dir gerade etwas blöd vorkommst“ Ja, kam ich und um es mir leichter zu machen, machte sie mit und wir unterhielten uns miauend weiter 🙂

Nordwind und Sonne

Inzwischen lese ich jeden Tag mehrmals „Nordwind und Sonne“ Ein einfacher Text den ich mit meiner mittleren Stimmlage laut lesen muss. Das ganze hört sich schrecklich an, ich mache es nur wenn ich alleine bin, man darf keinen der Sätze betonen, also weder die Stimme anheben noch absenken. Ein komplett monotoner Singsang.

Das ich nur den Text lese liegt daran das man darüber wenig nachdenken muss, sich also komplett auf die Stimme konzentrieren kann. Mit einem anderen Text, wir haben auch schon Stern Artikel gelesen, klappt das noch nicht so gut. Da ist noch etwas Übung nötig.
Nachdem man den Text dann zum zehnten mal hintereinander gelesen hat liest man kreuz und quer und ein außenstehender würde wohl kein Wort verstehen. Das ist aber auch nicht wichtig, wichtig ist immer in seiner Randschwingung, der mittleren Stimmlage zu bleiben.

Zuletzt kam dann noch als Krönung das wir uns an meine Kopfstimme (Falsett) herangetastet haben und ich den Text nun auch mit meiner Kopfstimme lesen muss.
Vorteil, bei der Kopfstimme braucht man nicht auf Betonung zu achten, da kann man nichts betonen. Nachteil, bei der Kopfstimme sind die Stimmlippen komplett geöffnet es geht sehr viel Luft durch so das man alle drei Wörter einatmen muss. Und natürlich ist das sehr ungewohnt und anstrengend für den ganzen Stimmapparat. Das ist wirklich arbeit und man merkt am Ende schon wo die Muskeln im Hals sitzen.

Hilfsmittel

LaxVox

Wie beim normalen Muskeltraining muss man auch die Stimme anwärmen und entspannen. Hierzu wurde mir der Laxvox Schlauch empfohlen. Zuerst versuchte ich es mit einem Schlauch aus dem Baumarkt (30x1cm) aber das war nicht so gut, als ich mir später den Original Schlauch zulegte klappte es besser. Das mag aber auch daran liegen das ich inzwischen Übung habe.

Man nimmt eine 1/2l Flasche füllt etwas Wasser hinein und blubbert durch den Schlauch einfach Luft hinein. Habt ihr als Kind sicher auch alle durch einen Strohalm gemacht und wurdet dafür ausgeschimpft 🙂
Bei der Übung sollen alle Gesichtsmuskeln, Hals usw. entspannt sein. Macht man es richtig sieht man deutlich wie die Wangen im Takt mitschwingen. Auf der LaxVox Webseite gibt es einige Videos in denen es genau erklärt wird.

Stimmanalyse App

Das zweite Hilfsmittel ist eine Android App „Stimmanalyse“ Sie wurde von TS entwickelt und ist genau für den Zweck gemacht. Sie ist etwas buggy, wird kaum weiterentwickelt aber damit kann ich leben. Ich habe auch andere Spektrum Analyzer probiert, bin aber immer wieder zurück zur Stimmanalyse app.

Hier kann man sich während der Übungen aufnehmen und sieht in welchem Frequenzbereich die Stimme lag. Ganz verlassen darf man sich allerdings nicht darauf. Die Rückmeldung der Logopädin ist, wie man gut am zweiten Beispiel sieht, wichtiger.

Zum Beispiel
Hier ein frühes Beispiel bei dem ich den Nordwind und Sonne Text gelesen habe.  Ich bin mit meiner Randschwingung zwar schon im weiblichen Bereich falle aber insgesamt stark ab und schlimmer, es gibt auch sehr viele Ausreißer nach unten. Mein Fehler war hier das ich das Ende des Satzes betont habe und dadurch auch die Stimme tiefer wurde.

 

Das zweite Beispiel, gleicher Text, die Randschwingung (mittlere Sprachstimmlage) ist nach einigen Tagen schon etwas höher und das Frequenzband ist sehr viel schmaler. Hier hat mich die Logopädin aber auch regelmäßig ermahnt wenn es in die falsche Richtung ging.  Ihr möchtet aber nicht hören wie sich das angehört hat 🙂
Diese Stimmlage ist übrigens nicht das Ziel, mein Ziel ist das untere drittel des weiblichen Bereichs. Das ist das Extrem um die Muskeln zu trainieren.

 

Das dritte Beispiel, auf den ersten Blick ein totaler Rückschritt, das Frequenzband ist enorm breit, in dem Fall aber gewollt. Es war ein „aaaaa“ ausgehend von meiner tiefsten bis zur Kopfstimme.

 

Zum Abschluss noch einmal die Warnung, macht das nicht alleine. Es kann im schlimmsten Fall zu einer Überlastung und einer dauerhaften Schädigung des Stimmapparates führen.