Mein Leben als Inge

Nun sind es  schon einige Monate in denen ich fast Vollzeit als Frau lebe, zuletzt, nach meinem Outing am Arbeitsplatz, dann wirklich in Vollzeit. Da ich auch schon vorher oft als Frau unterwegs war hat sich erst einmal nicht so viel geändert. Natürlich wird man gelegentlich angeschaut als komme man direkt vom Mars. Dies kann ich zwischenzeitlich aber komplett ignorieren. Angepöbelt wurde ich noch nicht und es gab auch sonst keine Probleme in der Öffentlichkeit.

Auf der anderen Seite ist man mir gegenüber aber auch freundlicher, sicher beruhend auf der Tatsache das ich mich nun nicht mehr verstecke. Zuletzt sagte unsere Nachbarin auch das ich mehr Offenheit und Freundlichkeit ausstrahle. So wie sie es beschreiben muss ich früher ein totaler Stoffel gewesen sein.
Zuletzt passiert es mir auch gelegentlich das ich einfach so angesprochen werde, zum Beispiel Smalltalk in der Kassenschlange, eine Dame verriet mir das Rezept ihres Käsekuchens und ich weiß nun das ihre Kinder den ohne Mandarinen nicht essen. So etwas passiert mir wirklich erst seit dem ich meine Weiblichkeit offen zeige und auslebe.

Bürooutfit. Musterhose mit schwarzem Zipfeltop und Oliv farbenem Cardigan

Meine Kollegen bemühen sich mich als Frau zu sehen, das klappt natürlich nicht immer, so hörte ich kürzlich zum Beispiel “Guten Morgen Inge, bist du schon wieder der Erste der da ist” Ich habe dann betont geantwortet “Ja ich bin DIE erste” was wir dann beide mit einem lächeln quittiert haben. Ich verstehe es ja, sie kennen den Kerl seit fünfzehn Jahren. Da kann man sich mal versprechen. Ansonsten nutzen die einen meinen neuen Vornamen bewusst oft, die anderen verwenden ihn gar nicht. Interessant war auch die Reaktion einiger der entfernt sitzenden Kollegen. Ich habe zu 90% Kontakt per Email mit ihnen und habe es dann jeweils einzeln, beiläufig in einer Email erwähnt. Einige, von denen ich es nie erwartet hätte, haben reagiert, bewundern meinen Mut und wünschen mir alles Gute. Und das rund um die Welt.
Grob drei Wochen hat es gedauert bis mein Name im Büro komplett umgestellt war. Incl Büroschild, Zugangskarte, Telefonbuch, Email, usw. Eine erstaunlich kurze Zeit für meinen Arbeitgeber 🙂

Im Fitnessstudio benutze ich jetzt schon einige Zeit die Damenumkleide. Ich bemühe mich Stealth zu sein weil ich auch keinen Ärger heraufbeschwören möchte. Meist bleibt es auch bei einem Hallo und Tschüss wenn ich mal auf eine andere Dame treffe. Aber selbst die, welche mich von früher kennen, nehmen es einfach so hin. Ich merke nicht einmal das sie mir aus dem Weg gehen.

Meine ersten Gehaltsabrechnungen auf den neuen Namen habe ich inzwischen bekommen und damit ich das Geld nun auch wieder ausgeben kann, gab es auch eine Kredit und eine EC-Karte auf den Wunschnamen. Mein Paypal Konto konnte ich mit Hilfe des DGTI- Ergänzungsausweises umstellen.

Kürzlich auf dem Weg zum Nagelstudio

Einzig die Krankenkasse weigert sich mir eine neue Karte auf meinen Wunschnamen auszustellen. Das Bild könnte ich ändern, das ist kein Problem. Sie meinen Gesetze und Richtlinien würden es ihnen verbieten. Auf meine Nachfrage welche Gesetze das sind, kam das es ihnen nach §1 des TSG verboten sei. Das ist natürlich totaler Blödsinn, der §1 bezieht sich auf die gerichtliche Namesänderung und das sie danach verpflichtet sind. Vorher dürfen sie es, müssen aber nicht. Im WWW findet man viele Beispiele wo es gemacht wurde. Aber die Techniker Krankenkasse mag das wohl nicht. Ich belasse es einfach so wie es ist. Ich will da nicht zu viel Energie vergeuden und werde in Zukunft sicher noch genug Gelegenheiten haben mit ihnen zu Diskutieren.  Die TK ist, wenn man dem WWW glauben kann, bekannt für ihre, ich nenne es mal, zurückhaltende Art gegenüber Trans*.

Bis auf die Gesundheitskarte habe ich somit mein alltägliches Leben umgestellt. Die Versicherungen oder Verträge von denen ich höchstens alle paar Monate mal höre lasse ich erst einmal wie sie sind. Vielleicht ändere ich die wenn mal wieder ein Brief mit alten Namen eingetrudelt.

Ihr merkt alles läuft gut, dementsprechend lief auch das letzte Treffen mit meiner Therapeutin. Nach grob 10min war ich mit meinem Bericht  des letzten Monats durch, neue ziele gibt es eigentlich nicht und sie machte deutlich das es alles super gut läuft, ich mich aber auch mal darauf gefasst machen soll das es noch Rückschläge geben kann. So könnten zum Beispiel Freunde auch im Nachhinein noch Probleme damit bekommen.

Wir sprachen dann auch über die gesetzliche Namensänderung die sie auch erst nach einem Jahr Alltagstest befürwortet. Da sich in Sachen Gutachterpflicht in der nächsten Zeit aber etwas ändern könnte (ich bin da mal sehr vorsichtig optimistisch) habe ich es auch nicht so eilig.
Für die Außenstehenden. Dem Gericht reicht nicht das meine Therapeutin sagt ich bin eine Frau. Nein, für eine Namens/Personenstandsänderung nach dem TSG müssen noch zwei extra psychologische Gutachten erstellt werden. Ich  darf also mein Leben noch einmal vor zwei Psychologen ausbreiten und sie dafür auch noch selbst bezahlen (ich habe von 1500 bis 5000 Euro für das ganze Verfahren gelesen)
Andererseits will die Krankenkasse, bei der Beantragung von Leistungen, eventuell auch noch solche Gutachten, aber damit beschäftige ich mich wenn es soweit ist.

Also steht erst einmal nichts mehr an und ich lebe mein neues Leben.

Meine Nagelfarbe für die nächsten Wochen. Ich widersetze mich dem Trend für den Herbst (dunkle Farben mit Glitzer) Vielleicht dauert so der Sommer noch etwas an 🙂